"BIM ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, eine Methode" - Interview mit Lucio Blandini von Werner Sobek, Stuttgart

Baustelle Kuwait International Airport (Foto: Werner Sobek Stuttgart AG)

Vor wenigen Tagen haben wir die Werner Sobek Stuttgart AG als 500. Mitglied von buildingSMART Deutschland begrüßt. Im Interview schildert Dr.-Ing. Lucio Blandini, Vorstand/Managing Director und Partner am Standort Stuttgart, welche Bedeutung Building Information Modeling und offene Standards für das weltweit tätige Ingenieurbüro haben und was er und sein Team von der Mitgliedschaft bei buildingSMART Deutschland erwarten.

Was sind die Arbeitsschwerpunkte der Werner Sobek Stuttgart AG?

Unser Tätigkeitsschwerpunkt liegt auf der Planung von Tragwerken und Fassaden. In Kooperation mit Schwesterbüros in Berlin, Buenos Aires, Dubai, Frankfurt, Istanbul, Moskau, New York und Stuttgart bieten wir aber auch zahlreiche andere Dienstleistungen aus dem Bereich Engineering, Design und Nachhaltigkeit an. Die Arbeiten von Werner Sobek zeichnen sich durch hochklassige Gestaltung auf der Basis von herausragendem Engineering und ausgeklügelten Konzepten zur Minimierung von Energie- und Materialverbrauch aus. Unser 1992 gegründetes Unternehmen hat mittlerweile mehr als 300 Mitarbeiter und bearbeitet alle Typen von Bauwerken und Materialien.

Welche Rolle spielen heute BIM und digitale Methoden und Werkzeuge bei Werner Sobek?

Digitale Methoden und Werkzeuge spielen in unserer täglichen Arbeit eine immer wichtiger werdende Rolle. Unser Ziel ist es hierbei immer, das Potential dieser digitalen Werkzeuge und Methoden optimal zu nutzen. Hierbei geht es nicht nur um einen möglichst effektiven Planungsprozess, sondern auch um die Frage der technischen Realisierbarkeit. Wir arbeiten weltweit an sehr unterschiedlichen Projekten, die aber alle eins gemeinsam haben: Ihre Komplexität ist so groß, dass eine Planung und bautechnische Umsetzung ohne digitale Werkzeuge mittlerweile nicht mehr vorstellbar ist. Als Ingenieure fokussieren wir dabei gezielt auf bestimmte, immer wiederkehrende Fragestellungen. Die wichtigste davon ist: Wie können Kollisionen zwischen unterschiedlichen Gewerken vermieden werden? Welche Lösung ist zugleich ökonomisch und funktional vorteilhaft – und erfüllt den Gestaltungsanspruch, den wir selbst all unseren Arbeiten zugrunde legen?

Nutzen Sie diese Methoden und Werkzeuge nur zur eigenen Effizienzsteigerung oder erwarten Ihre Auftraggeber und Projektpartner "BIM-Fähigkeit"? Machen Sie unterschiedliche Erfahrungen in Deutschland und im Ausland?

Da wir in der Regel an großen und komplexen Projekten arbeiten, ist BIM eine unerlässliche Voraussetzung für den Projekterfolg. Die Nutzung von BIM ermöglicht uns eine schnelle, präzise und detaillierte Kommunikation mit anderen Planern ebenso wie mit dem Bauherrn und den ausführenden Firmen. BIM beschleunigt und erleichtert interne ebenso wie externe Abstimmungsprozesse. Wir können die Auswirkungen unterschiedlicher Ansätze auf das Gesamtkonstrukt ebenso wie auf einzelne Gewerke so mit relativ überschaubarem Aufwand überprüfen.

Unsere Auftraggeber und Projektpartner erwarten deshalb auch ganz selbstverständlich „BIM-Fähigkeit“ – und diese Erwartungshaltung findet sich zunehmend auch bei kleineren, weniger komplexen Projekten. Allerdings ist dies in Deutschland in meinen Augen momentan noch sehr viel weniger stark ausgeprägt als in anderen Ländern.

Ein wichtiger internationaler Trend, den wir beobachten, ist das Bemühen, die digitalen Schnittstellen zwischen Planung, Umsetzung, Nutzung, Umbau und schließlich Rückbau auszubauen (bzw. überhaupt erst zu schaffen). Wir bringen uns hier auch in diversen Forschungs- und Entwicklungsprojekten ein, z.B. bei digitalTWIN.

Welchen Stellenwert hat heute der herstellerneutrale Datenaustausch in Bauprojekten, beispielsweise mittels der "Open Standards" von buildingSMART wie IFC, BCF u.a.?

Der herstellerneutrale Datenaustausch ist sehr wichtig und muss auf jeden Fall weiter gefördert und ausgebaut werden. Wir dürfen aber eins nicht vergessen: BIM ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, eine Methode. Der Erfolg dieser Methode hängt stark von den Menschen ab, die sie verwenden. Dies gilt umso mehr beim Open BIM, da die Modelle hier durch eine Kooperation unterschiedlicher Akteure entstehen. Abgesehen von der nicht zu vernachlässigenden Frage, wer für welchen Teil des Modells haftet: Ein solcher Prozess der Kooperation kann nur dann erfolgreich sein, wenn die beteiligten Personen sinnvoll miteinander umgehen und offene Fragen pragmatisch lösen können. Der kontinuierliche, projektunabhängige Austausch zwischen allen Akteuren der Bauwirtschaft, wie er z.B. durch buildingSMART ermöglicht wird, ist eine wichtige Voraussetzung hierfür.

Was war ausschlaggebend für eine Mitgliedschaft bei buildingSMART Deutschland? 

Der kontinuierliche Austausch mit anderen Akteuren der Bauwirtschaft ist uns sehr wichtig. Darüber hinaus erleichtert uns die Mitgliedschaft in buildingSMART natürlich auch die fachliche Weiterbildung und die Auseinandersetzung mit neuen Trends und Entwicklungen. Ich bin sicher, dass wir hier viel lernen können – und natürlich wollen wir auch unsererseits die umfangreichen Erfahrungen, die wir bei so gigantischen BIM-Projekten wie dem Nationalmuseum von Katar oder dem Kuwait International Airport gemacht haben, mit anderen teilen, um die Community als Ganzes voranzubringen.


23.04.19