Beim 23. buildingSMART-Anwendertag am 13. Mai 2026 im Hotel Berlin fand erstmals ein eigener European Chapter Stream statt. Dabei handelt es sich um ein Format, das Vertreterinnen und Vertreter europäischer buildingSMART-Chapter zusammenbringt, um strategische Themen, laufende Initiativen und Praxisbeispiele in den gemeinsamen Austausch zu bringen.
Das Besondere: Das deutsche Publikum des Anwendertags war ausdrücklich eingeladen, nicht nur zuzuhören, sondern in den direkten Dialog zu gehen. Flipcharts, offene Diskussionsrunden und ein informeller Topic Bazaar schufen Raum für echte Begegnungen, die weit über die Präsentationen hinausgingen.
Frame 1: Europäische Initiativen und der Wert offener Standards
Den Auftakt im Vormittagsblock machte Milena Feustel als Vorsitzende der EU BIM Task Group. Sie skizzierte die Rolle der Task Group als Brücke zwischen Nachfrage- und Angebotsseite, mit 32 europäischen Mitgliedsstaaten und einem dichten Geflecht aus Arbeitsgruppen, EU-Institutionen und nationalen Behörden. Im Mittelpunkt stehen aktuell Themen wie die öffentliche Beschaffung mit BIM, digitale Baugenehmigungen sowie die Nutzung von BIM entlang des gesamten Gebäudelebenszyklus: vom Design über den Betrieb bis hin zum Digitalen Gebäudelogbuch. Eine neu gegründete Arbeitsgruppe befasst sich darüber hinaus mit Sicherheitsfragen beim Einsatz von Open-BIM, insbesondere aus der Perspektive öffentlicher Auftraggeber.
Leoš Svoboda (buildingSMART Czech Republic) und Steen Sunesen (buildingSMART Norway) beleuchteten das Konzept der openBIM Harmony, einer gemeinsamen europäischen Rahmenstruktur, die nationale Unterschiede nicht nivelliert, sondern zusammenführt. Sarah Merz stellte das PCert Chapter-Led Innovation Program vor, mit dem buildingSMART Deutschland aktiv an der Weiterentwicklung des internationalen Zertifizierungsprogramms mitwirkt.
Den Abschluss des Vormittags gestaltete Casey Rutland von buildingSMART UK/Ireland mit einem Plädoyer für eine klare Sprache im Umgang mit IFC und offenen Standards. Seine zentrale Botschaft lautete: Nicht BIM liefern ist das Ziel, sondern Projekte mit BIM liefern. Casey Rutland präsentierte einen gemeinsam erarbeiteten Report zur "Business Value of Adopting Open Data via IFC", der bewusst auch als Kurzfassung für Entscheidungsträger und politische Akteure aufbereitet wurde, die wenig Zeit, aber hohen Einfluss haben.
Frame 2: Praxisprojekte aus neun Ländern
Der Nachmittagsblock bot eine dichte Abfolge von Einblicken aus neun europäischen Ländern. Dabei ging es unter anderem um den Umgang mit Datenwörterbüchern über KI-gestützte Wissensplattformen bis hin zu nationalen Standardisierungsprogrammen.
Christoph Eichler (buildingSMART Austria) stellte die openBIM Knowledge Base vor, eine Plattform, die inzwischen wöchentlich zwischen 1.500 und 1.800 Nutzerinnen und Nutzer verzeichnet. Darunter befinden sich zunehmend auch Personen aus dem deutschsprachigen Raum und aus China. Kern der Plattform ist ein KI-gestützter Chatbot, der ausschließlich auf qualitätsgeprüften buildingSMART-Inhalten basiert. Jeder Beitrag durchläuft einen Review-Prozess durch zertifizierte Trainer. Dies ist mit einem wissenschaftlichen Peer Review vergleichbar. Neben mehrsprachiger Unterstützung (Deutsch in seinen nationalen Varianten, Englisch und weiteren Sprachen) bietet die Plattform Micro-Apps, darunter ein Tool zur Erstellung von IDS-Dateien aus Excel-Tabellen. Christoph Eichler kündigte an, das System auf weitere Chapter ausweiten zu wollen.
Thomas Glättli (buildingSMART Switzerland) thematisierte die Herausforderungen rund um Datenwörterbücher: fehlende Governance, uneinheitliche Terminologien und der noch dominante Einsatz von Excel-basierten Ansätzen. Die Schweizer Initiative zielt auf ein gemeinsames Verständnis darüber ab, wie ein Datenwörterbuch strukturiert sein sollte – als Basis für semantische Interoperabilität entlang des gesamten Datenlebenszyklus.
David Delgado Vendrell (buildingSMART Spain) berichtete über ein Modell, das zeigt, was ehrenamtliches Engagement leisten kann: Mit nur zwei Teilzeitkräften und einem Assistenten koordiniert buildingSMART Spain über 300 Mitglieder und hat in zwölf Jahren mehr als 200 Freiwillige in konkrete Projekte eingebunden. Der Schlüssel dafür sind klare Projektstrukturen mit definiertem Scope, festen Deadlines und greifbaren Ergebnissen. Es gibt keine offenen Arbeitsgruppen, sondern zeitlich begrenzte, verantwortlich geführte Projekte.
Peter Axelsson (buildingSMART Sweden) präsentierte Ansätze zur Nutzung von Knowledge Graphs für eine neue Stufe der Interoperabilität. Christophe Castaing (buildingSMART France) stellte das Konzept von Data Spaces für die Bauindustrie vor. Matjaž Šajn (buildingSMART Slovenia) berichtete über das Großprojekt "Drugi tir". Dabei handelt es sich um eine neue Bahnstrecke in Slowenien, ein konkretes Open-BIM-Leuchtturmprojekt. Havard Bell (buildingSMART Norway) führte in die openCDE API ein, Ville Alajoki (buildingSMART Finland) in BIM-basierte Baugenehmigungen und deren Potenzial für Smart Cities mit IFC als Archivformat.
Den Abschluss des Nachmittagsblocks gestaltete Lorenzo Nissim (buildingSMART Italy), der das nationale Standardisierungsprogramm seines Chapters mit transparenten Governance-Strukturen, offenen Komitees und einem Wachstum von über 70 neuen Mitgliedern im laufenden Jahr als messbarem Ergebnis vorstellte.
Frame 3: Diskussion, Vernetzung und ein gemeinsamer Start
Der abschließende Block gehörte der Interaktion. An den Flipcharts vertieften Präsentatoren und Publikum die Themen der Vorträge. Prof. Dr.-Ing. Cornelius Preidel, Vorstandsvorsitzender von buildingSMART Deutschland, brachte es in seinen Abschlussworten auf den Punkt: "This is not the end, but a starting point." Er hob außerdem hervor, dass gerade die Diskussionen abseits der Bühne – an den Flipcharts, in den Pausen, beim Topic Bazaar – zu den wertvollsten Momenten des Tages gehörten.
Der European Chapter Stream beim 23. buildingSMART-Anwendertag war ein Formatexperiment. Eines, das Früchte trug. Die Bandbreite der Beiträge, die Qualität der Diskussionen und die Energie im Raum zeigten: Das europäische Open-BIM-Netzwerk hat viel zu erzählen, viel zu teilen und noch mehr gemeinsam zu gestalten.
